Das gab’s nie wieder: 10 000 Zuschauer im Jahn-Stadion

Gedächtnis der Region: Zur Einweihung mit dem 1. FC Kaiserslautern kamen tausende Fußballfreunde – die Stars Fritz und Walter sowie Horst Eckel waren allerdings verletzt und spielten nicht.


Die Stadioneinweihung im August 1958. | Bild: Stadtarchiv Meßkirch

Kein Ereignis vorher oder nachher hat je so viele Besucher nach Meßkirch gelockt wie die Einweihung des Jahn-Stadions im August 1958. Rund 10 000 Fußballfreunde drängelten sich auf den Besucherrängen, um hier den 1. FC Kaiserslautern und Fußballlegende Fritz Walter zu erleben.

Für die Stadt Meßkirch bedeutete der Bau des Jahn-Stadions trotz Zuschüssen aus dem Toto-Fonds einen ungeheuren finanziellen Kraftakt. Erst nach zahlreichen mühsamen Diskussionen hatte sich der sportbegeisterte Bürgermeister Siegfried Schühle mit seinem Lieblingsprojekt gegen alle Widerstände durchsetzen können. Die Situation der örtlichen Sportstätten war nämlich bis dahin geradezu haarsträubend.

Schon seit den Jahren nach 1900 wurde in Meßkirch Fußball gespielt. Zu den frühen Pionieren des Meßkircher Fußballs gehörte übrigens auch der Philosoph Martin Heidegger. Die noch vor dem Ersten Weltkrieg angelegten Sportplätze beim Badhäusle zwischen Bahnlinie und Ablach sowie im Ablachried bei der Spulenfabrik Stoll waren beide nach Längerem Regen häufig überschwemmt und Fußballspiele glichen dann wahren Moorschlachten, an deren Ende auf dem Spielfeld Freund und Feind kaum noch zu unterscheiden waren. Ein im Hofgarten angelegter dritter Sportplatz ermöglichte dank der im Spielfeld stehenden Bäume interessante Mischungen aus Fußball und Billard. 1921 spalteten sich die Fußballer vom Turnverein ab und gründeten ihren eigenen Verein, den bis heute bestehenden Sportverein.


Fußball-Legende Fritz Walter bei der Stadioneinweihung. Tausende Zuschauer kamen nach Meßkirch, um ihn zu sehen. | Bild: Stadtarchiv Meßkirch

1923 wurde der südliche Teil des Hofgartens als Baugebiet erschlossen. Zur Anlage neuer Straßen und Trockenlegung des Feuerbachs wurden tausende Kubikmeter Auffüllmaterial benötigt, wofür im Rahmen von Notstandsarbeiten das damalige Lohloch im Bereich des heutigen Stadions abgegraben wurde. Die hierdurch entstandene Fläche wurde als neuer Sportplatz ausgewiesen. Allerdings war der Boden kieshaltig und die Steine unter der Grasnarbe sorgten bei den Spielern für manche Verletzung.

Ab 1950 wurde für den Bau der Wohnsiedlung „Neue Heimat“ erneut Kies und Auffüllmaterial benötigt. Auf der nunmehr vergrößerten Aushubfläche, die zunächst noch als Müllplatz Verwendung fand, entstand so ab 1957 im rechten Winkel zum alten Sportplatz das neue Jahn-Stadion, das endlich allen Ansprüchen genügte, auch wenn ein Gebäude mit Dusch- und Umkleideräumen noch zwei Jahre lang fehlte.

Schon lange vor dem Sieg der deutschen Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Bern 1954 galt Fußball in Meßkirch als die wichtigste Sportart. Dem SV-Vorsitzenden Hans Häusler gelang es, zur Stadioneinweihung am 3. August 1958 den 1. FC Kaiserslautern und den SSV Reutlingen einzuladen.

10 000 Besucher wollten das Spiel der beiden Oberligisten und den seit dem Sieg in Bern berühmten Nationalspielern miterleben, brachen aber enttäuscht in ein Pfeifkonzert aus, als bekannt gemacht wurde, dass ausgerechnet die drei Kaiserslauterer Stars Fritz Walter, Otmar Walter und Horst Eckel wegen leichten Verletzungen, die sie sich am Vortag bei einem Spiel in München zugezogen hatten, nicht würden mitspielen können. Der Rest der erschöpft wirkenden Mannschaft lieferte dann ein reichlich langweiliges Spiel und unterlag gegen Reutlingen mit 0:3.

Jahrzehnt der sportlichen Großereignisse

Die 50er Jahre waren für Meßkirch ein Jahrzehnt der sportlichen Großereignisse. Auftakt war im Juli 1952 das Gauturnfest des Hegau-Bodensee-Turngaus, das der Turnverein Meßkirch unter seinem Vorsitzenden Wilhelm Scheffold anlässlich seines 90-jährigen Bestehens ausrichten durfte. Rund 1500 Turner waren hierzu mit Sonderzügen angereist. Damals gehörte zu solchen Veranstaltungen immer auch ein von Stadtkapelle und Fanfarenzug begleiteter Umzug aller Akteure, Festgottesdienste, Totengedenken mit dem Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“, Flaggen- und Girlandenschmuck in den Straßen der Feststadt, Tanz und Feuerwerk. Die Wettkämpfe und Darbietungen erfolgten auf dem Jahnsportplatz teilweise auch bei Nacht im Scheinwerferlicht.

Bereits zwei Jahre später konnte anlässlich des 25. Jubiläums der Handballabteilung des TV im November 1954 auf dem Jahnsportplatz die Südbadische Jugend-Handballmeisterschaft veranstaltet werden. 1956 fand auf Initiative von Alfred Heim das erste Internationale Handball-Blitzturnier statt, das eine jahrzehntelange Tradition begründete und den Namen Meßkirchs auch als Handballhochburg bekannt machte.

1958 beteiligten sich die Handballer an der Einweihung des Jahnstadions mit einem eigenen Sportevent. Eine Woche nach dem Fußballmatch Kaiserslautern gegen Reutlingen spielten auf dem neuen Platz der Deutsche Meister im Feldhandball Göppingen mit allen seinen Nationalspielern gegen den südbadischen Vizemeister Freiburg mit 24:11 Toren.

Schließlich wurde auch die neu erbaute Stadthalle im März 1959 mit einem sportlichen Großereignis eröffnet: dem Länderwettkampf der deutschen Kunstturner gegen Österreich. Lange Verhandlungen mit dem Deutschen Turnerbund waren zuvor nötig gewesen. Die 2000 Plätze der Halle waren restlos ausverkauft und Hans Häusler hatte es sogar möglich gemacht, dass die Wettkämpfe live im Fernsehen übertragen wurden, indem er bei seinem Bekannten BR-Chefredakteur Robert Lembke interveniert hatte. (aha)

Arno Schlude erinnert sich

Arno Schlude war in den 50er Jahren aktiver Spieler in der Meßkircher Fußballmannschaft. Damals, so erinnert er sich, habe der Fußball in Meßkirch viel gegolten und sei die bei Weitem wichtigste Sportart gewesen. Bei Spielen hätten sich regelmäßig viele Zuschauer auf dem Sportplatz eingefunden. Vor allem einige Auswärtige, die nach dem Krieg vorübergehend in der Stadt hängengeblieben seien, hätten damals einen ganz neuen Schwung in den Meßkircher Fußball gebracht. Anders als heute habe in den 50er Jahren der Sportverein keine Nöte gehabt, einen Vorsitzenden zu finden. Der Posten sei unter den örtlichen Honoratioren begehrt gewesen, da habe man etwas dargestellt.

Das traditionelle Vereinslokal der Fußballer war das Hotel Adler. Da es in den 50ern auf dem Jahnsportplatz, auch im neuen Stadion, noch keine Umkleide- oder Duschkabinen gegeben habe, haben sich die Meßkircher Spieler immer schon zuhause umgezogen und seien im Trikot auf dem Sportplatz erschienen. Bei Turnieren sei für die auswärtigen Spieler ein Wagen der Wäscherei Häusler als Umkleideraum zur Verfügung gestellt worden.

Der Tag der Einweihung des neuen Stadions am 3. August 1958 ist Arno Schlude noch in lebhafter Erinnerung. Die Mannschaft aus Kaiserslautern mit fünf Nationalspielern habe im Hotel Hofgarten logiert. In unserer Region habe es ja nicht so oft Großereignisse gegeben, da seien die Leute noch richtig gierig gewesen nach solchen Sportereignissen, wie sie in Meßkirch hin und wieder stattfanden. Ein Ereignis wie das Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den SSV Reutlingen habe deshalb natürlich weit über Meßkirch hinaus beim Publikum Zugkraft gehabt.

Der Kontakt zum 1. FC Kaiserslautern, glaubt Schlude, sei damals durch Karl Förster hergestellt worden, der Geschäftsführer in der Großwäscherei Häusler, also Angestellter des SV-Vorsitzenden Hans Häusler gewesen sei. Förster selbst stammte nämlich aus der Kaiserslauterer Ecke. Dass die Brüder Fritz und Otmar Walter und Horst Eckel in Meßkirch zwar anwesend waren, aber nicht selber mitgespielt haben, daran könne er sich noch gut erinnern. Einen Fanrummel um solche Stars mit Autogrammjägern und Fotografen habe es aber im Gegensatz zu heute damals noch nicht gegeben. Er selber habe jedenfalls kein Autogramm von Fritz Walter. (aha)